all 5 V5

 

 Mit gelben Birnen hänget
 Und voll mit wilden Rosen
 Das Land in den See,
 Ihr holden Schwäne,
 Und trunken von Küssen
 Tunkt ihr das Haupt
 Ins heilignüchterne Wasser.

 Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
 Es Winter ist, die Blumen, und wo
 Den Sonnenschein,
 Und Schatten der Erde?
 Die Mauern stehn
 Sprachlos und kalt, im Winde
 Klirren die Fahnen.

  Friedrich Hölderlin (1803)

 

 

 
„Hälfte des Lebens“ heißt das Gedicht. Hölderlin schrieb es als er 35 war. Zu seiner Zeit leicht die Hälfte des Lebens. Heute verlegen wir die Hälfte des Lebens eher in die mittleren 40-er Jahre. Doch wem „sprachlos und kalt, im Winde“ die „Fahnen klirren“, den weht nach wie vor die Endlichkeit an und der Schauder vor ihr.
 
Der Endlichkeit gewahr zu werden – etwa in Gestalt des Verlustes eines nahestehenden Menschen und die verbundene tiefe Trauer – ist keine Krankheit, aber eine unhintergehbare Erfahrung. 

 

 

Zu Recht löst sie Fragen aus, existentielle Fragen, die Raum fordern. Wo diesen kein Raum gegeben, keine Vertiefung gestattet wird, können sie krisenhaft werden. In der Psychologie spricht man im Falle einer solchen Krise von Anpassungsstörung. In der Philosophie gilt die Krise als kreativer Zustand.

Lebensfragen, Fragen an und über das Leben sind auch Überlebensfragen im wörtlichen Sinne, nämlich Fragen, die über das Leben, die Welt der Erfahrung, hinaus gehen.

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